Emanzipation im Alter

Für uns alle folgte dann eine beeindruckende Entwicklung und Veränderung unserer eigentlich ja immer eher schüchternen Mutter und Großmutter. Es war wie eine große Selbstständigkeit, wie eine Selbstverwirklichung. Ich bin mir sicher, dass es ihr mit Opa gut gegangen ist, dass sie sich nicht „unterdrückt“ gefühlt hat wie wir es manchmal fantasiert haben. Aber sie muß sich der Stärke als eigenständige Person immer mehr bewußt geworden sein, nachdem der Trauerprozess langsam Distanz gebracht hatte. Sie hat mir mal berichtet, dass es keinen Tag gebe, an dem sie nicht an Opa denke. Und ihn auch vermisse, „aber das wäre nicht einfach geworden auf Dauer in den zwei Räumen in der Parkresidenz“. Und sie hat immer wieder sehr die Umsicht von Opa gewürdigt, dass er ihr durch das Drängeln auf den Umzug die Eingewöhnung an seiner Seite sehr erleichtert und ihr viel Sicherheit gegeben hat, die sie alleine nicht aufgebracht hätte.


Mumu am 11.8.1995

Weitere Fotos zeigen sie 1995 und 2001 in ihrem großen schönen Wohnzimmer in der Parkresidenz (siehe hier).

Mumu hatte in der Parkresidenz viele Kontakte, hat an den meisten Unternehmungen teilgenommen und hat sich bald auch für die allgemeinen Belange engagiert. Als eine Wahl zum Beirat anstand, wurde sie vorgeschlagen und konnte gar nicht fassen, dass sie gleich hinter einem promovierten Juristen, der sowas schon immer gemacht hatte, die zweithöchste Stimmenzahl erhielt – „das muß ein Fehler sein, das ist gar nicht möglich“. Sie hatte dann über viele Jahre die Zuständigkeit für die Pflegestation, wurde über alle Veränderungen informiert, hat alle neu dorthin Verlegten besucht, den Kontakt zu den Angehörigen hergestellt etc. Und es gab immer alte bettlägerige oder blinde Bewohner, denen sie regelmäßig vorgelesen hat.

Mumu war das pünktliche Mittagessen im Restaurant sehr wichtig, dort traf sie die ihr Vertrauten und konnte Verabredungen treffen. Ihre täglichen Spaziergänge – da war sie ganz diszipliniert - ins Alstertal machte sie allerdings lieber alleine. Sie hatte ihren Schlüssel dabei und einen Zettel mit ihrer Anschrift und keine Angst, allein unterwegs zu sein, anfangs mit dem Stock und später mit dem Gehwagen. Die anderen gingen ihr zu langsam, klagten zu viel über Krankheiten oder hatten sehr schwierige Konflikte mit den Ehemännern. Sie nahm regelmäßig an Gesprächsrunden und dem Gedächtnistraining teil, versuchte auf vielen Gebieten sich Anregungen zu holen und sich fit zu halten.

Von uns allen erhielt sie regelmäßig Besuch, Siegmanns hatten ihr Büro in der Nähe, Sabine kam nach der Schule, Pimi einmal pro Woche nach der Arbeit, um ihr bei den Bürosachen zu helfen und kleine Reparaturen zu machen. Besonders freute Mumu sich, wenn von den Enkelkindern jemand vorbei kam. Mit den Enkelmädchen Annica und Mike hat sie lange Gespräche geführt über alle möglichen Probleme. Und stolz hat sie mir mal berichtet, dass Christian und Frekki immer mal wieder mit neuen Freundinnen sie besucht haben.

Mumu war sehr engagiert in ihrer Bridge-Gruppe, in der sie über Jahrzehnte regelmäßig teilnahm. Diese Runde war ihr sehr wichtig. Sie war die Älteste, von allen sehr geachtet und als Vorbild genommen für „Erfolgreiches Altern“, sie bekam viele Komplimente. Wenn die Runde bei ihr tagte, hat sie das immer besonders gut vorbereitet, hatte sich ein grünes Tuch genäht – sie konnte gut nähen und hat früher viel für die Kinder selbst hergestellt – und alles war vorrätig, was für eine Bridgerunde notwendig ist. Sie erlebte das Bridge als intensives Gehirntraining – und es machte ihr in der vertrauten Runde viel Spaß.

Sehr wichtig für Mumu war die Freundschaft zu Denise Rother, der Witwe von Opas Studienfreund, die seit der Zeit vor Kriegsbeginn bestand. Denise lebte später im Augustinum in Mölln. Mumu hat sie öfter besucht, die Fahrt dorthin hat sie immer alleine bewältigt.


Mumu und Denise in den 80iger Jahren

Mumu war sehr reisefreudig („vergnügungssüchtig“ hätte Opa gesagt). Ein typischer Spruch von ihr war „da will ich auch noch mal hin“!  Sie war begeistert von einer durch die Parkresidenz organisierten Fahrt nach Budapest, wo die Gruppe im weltberühmten Hotel Gellert wohnte – „dass ich das noch erleben konnte“.

Im Mai 1995 fuhren Sabine und ich mit Mumu nach Rom, wo sie leider sehr krank wurde und diese Woche bewundernswert durchgestanden hat trotz schrecklicher Schmerzen. Sie mußte dann gleich nach der Rückkehr ins Krankenhaus.
Das Foto zeigt sie blaß und elend auf der Terrasse der schönen Wohnung direkt am Capitol.


Mumu sehr krank in Rom Mai 1995

Opa hatte ihr die Teilnahme an der Reise ihrer Geschwister nach Ostpreußen 1985 „ausgeredet“, das sei zu anstrengend für sie. Ihr Wunsch, die Heimat noch einmal zu sehen, war aber sehr groß und so bot ich ihr an, sie nach Ostpreußen zu begleiten, wenn sie sich um alles kümmern würde. Schon nach wenigen Tagen hatte sie eine Möglichkeit herausgefunden. Wir sind dann im Juni 1996 mit einer Busreise dorthin gefahren. An der Brücke über die Oder, der Grenze nach Polen, brach sie in Tränen aus, es fiel ihr sehr schwer damit umzugehen, dass sie jetzt auf dem Weg in ihre Heimat in ein anderes Land fährt. Sie hat aber mit einigen Mitreisenden heftig gestritten, die alles in Ostpreußen zurück haben wollten, das fand sie nicht richtig. Von Nikolaiken aus sind wir mit einem Taxi nach Kulsen gefahren, wo sie aufgewachsen ist  und wurden dort von den aus Weißrußland vertriebenen neuen Bewohnern sehr herzlich aufgenommen (siehe Bericht Besuch in Kulsen 1996)


Mumu in Kulsen Juni 1996

Weitere Fotos von der Reise siehe hier.

Mehrmals ist Mumu mitgefahren nach Amrum mit Sabine, Thomas, den Kindern und Annemie, wo sie in einem schönen Hotel den Luxus genossen hat.

Und sie ist später oft mit Siegmanns in Wangelin gewesen, wo sie immer mitgearbeitet hat. So hat sie z.B. unermüdlich die in eine Grube geschütteten Gläser mit eingemachtem Obst und Gemüse herausgeholt und zum Abtransport zusammengestellt.


Mumu und Familie in Wangelin ca. 2002

Weitere Fotos aus Wangelin siehe hier.

Und auch auf Sylt bei Pimi und Marion war sie, wo sie noch mit über 85 Jahren viele Treppen in den Dünen hochgestiegen ist, um vom Aussichtspunkt einen herrlichen Blick auf den Strand zu haben - wenn sie etwas wollte, konnte sie eine bewundernswerte Energie aufbringen.


Mumu und Familie 26.12.1998

Ihren 85.Geburtstag haben wir 1999 im Kreis der Familie gefeiert und gleich nach Weihnachten hat sie zu einem großen Empfang in der Parkresidenz eingeladen, wo sie vor den ca 40 Gästen eine Rede hielt, was auf folgendem Foto dokumentiert ist und was früher undenkbar gewesen wäre.


Mumus Rede am 85. Geburtstag - Parkresidenz 1999

Weitere Fotos vom 85. Geburtstag siehe hier.

Da der soziale Druck in der Parkresidenz relativ stark war, haben wir alle uns natürlich die größte Mühe gegeben, einen guten Eindruck zu machen, so dass Mumu stolz sein konnte auf ihre große Familie. Sie hat mir mal berichtet, dass sie schon gar nichts mehr sagt über Kinder und Enkel, da so viele der Mitbewohner große Sorgen mit den Nachkommen haben und sie nicht möchte, dass „die neidisch werden oder denken, ich gebe an“.

Ein großes Geschenk haben wir 4 Kinder ihr gemacht mit einer Wochenendreise nach Osnabrück auf den Spuren der Familie Kloevekorn, also ihrer so früh verstorbenen Mutter. Mumu war noch nie in Osnabrück gewesen und ich bin mir sicher, sie hat das sehr genossen, dass wir alle gemeinsam Ende Mai 2002 diese Stadt kennenlernen konnten. Ein Vorfahre war dort an der Marienkirche ja Organist gewesen – nur für uns wurde am Morgen ein Orgelkonzert gespielt.


Mumu und Kinder in Osnabrück 2002

Öfter kam sie auch nach Berlin, meist im Zusammenhang mit Besuchen in Wangelin. In Berlin hat sie auch ihre erste e-mail geschrieben, sie war damals 88 Jahre alt! (Fotos siehe hier)

Das Zurückbringen nach Hamburg wurde dann verbunden mit Übernachtungen z.B. in Wismar 2002 oder Tangermünde 2004.


Mumu in Wismar 2002

Auf ihren Wunsch sind wir auch in Stendal gewesen, dort war Opa als Soldat eine Zeit lang stationiert und das wollte sie kennenlernen.


Mumu in einer Kirche in Stendal Juni 2004

In Tangermünde habe ich eine Situation mit ihr erlebt, die ich nie vergessen werde. Wir haben im Schloßhotel gewohnt, was ihr sehr gefallen hat und gingen dort zum Abendessen.  Als wir fertig waren, stand ich auf, half ihr beim Aufstehen und wurde sofort von ihr gerügt: Jeder würde sehen, dass wir Mutter und Tochter seien, ich hätte meinen Stuhl nicht wieder richtig zurückgestellt, das falle als schlechte Kinderstube auf sie zurück!

Den 90.Geburtstag haben wir 2004 sehr schön im Familienkreis – mit Onkel Helmut und Anna – gefeiert. Unser gemeinsames Geschenk an sie war ein Fragespiel über ihr Leben, wozu jeder etwas beigetragen hatte. Dieses Spiel findet ihr hier (das sollte jeder sich ansehen, da es sehr schön zeigt, an was sich besonders die Enkel bezogen auf Mumu erinnerten). Leider existiert kein Foto von der gesamten Geburtstagsgesellschaft.


Mumu am 26.12.2004

Mumu war auch mit über 90 Jahren noch sehr diszipliniert mit ihren täglichen Spaziergängen im Alstertal, was das Foto vom Mai 2005 zeigt.


Mumu Mai 2005 im Alsterpark

Und sie ließ es sich nicht nehmen, im Sommer 2005 in Wangelin noch Johannisbeeren bei großer Hitze zu pflücken (siehe hier).

Annicas Hochzeit im August 2005 war Anlaß für sie, eine Rede auf ihren Urenkel Toni zu halten. Ich hatte bei ihr übernachtet und sah nachts gegen 2 Uhr Licht in ihrem Zimmer, sie saß aufrecht im Bett und schrieb. Sie strahlte mich an, sie könne nicht schlafen und das nutze sie für eine Rede auf Toni, dazu habe sie sich entschlossen, sie freue sich richtig darauf. Ich denke, die meisten von uns, die dabei waren, hatten als sie sprach im schönen Gutshaus bei Wangelin Tränen in den Augen. Hier ist der Text der Rede.


Mumus Rede auf der Hochzeit von Annica August 2005

Und hier ein weiteres Foto von der Hochzeit.

Mumu hat sich in den letzten Jahren immer wieder Sorgen gemacht über ihre finanzielle Situation. Die Kosten in der Parkresidenz waren relativ hoch und sie sah, wie das Vermögen, das vor allem aus dem Verkauf des Hauses am Weißdornweg bestand, weniger wurde. Sie hat deshalb immer wieder von einem Umzug in eine kleinere Wohnung gesprochen – und wir alle haben das leider unterstützt statt es zu verhindern. Das war ein großer Fehler ganz zum Ende von Mumus Leben. Aber bei ihrer Vitalität hätte niemand gedacht, dass es dann so bald zu Ende gehen wird.

Der Umzug erfolgte im Juni 2005. Sie hat vorher ihre Sachen gesichtet, mußte entscheiden was sie mitnehmen will, war monatelang damit beschäftigt und ganz sicher im 91.Lebensjahr überfordert – physisch und psychisch. Das Foto zeigt sie am Tag des Umzugs.


Mumu in der neuen Wohnung Juni 2005

Mumu ist dann am 12.November 2005 gestorben. Sie hat nicht lange leiden müssen. Sie war noch zum Mittagessen im Restaurant der Parkresidenz, ging in ihre neue Wohnung und spürte Veränderungen, so dass sie veranlassen konnte, dass Pimi gerufen wird. Sie ist sehr schnell in ein Koma gefallen und war nach drei Tagen erlöst. Im Heidbergkrankenhaus war Tag und Nacht immer jemand von uns bei ihr. Im Beisein von Sabine ist sie dann ruhig eingeschlafen. Und kurz darauf waren viele aus unserer großen Familie an ihrem Bett versammelt zur Totenwache. Es war ein gnädiges Schicksal, dass Mumu kein Pflegefall wurde, davor hatte sie große Angst.

Damit hatte uns der Mittelpunkt unserer Familie verlassen.

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