Erich Dross, 1880 - 1954

Viele Angaben beziehen sich auf Gespräche, die ich mit Mumu über Jahrzehnte geführt habe, später auch mit Wera und Winrich.

Der Vater von Mumu, Walter Erich Dross, wurde am 13.6.1880 auf dem elterlichen Gut Freiwalde bei Elbing geboren (siehe hierzu auch Nr. 2 auf der Karte von Ostpreußen). Seine Mutter starb am 14.8.1880, also 2 ½ Monate nach seiner Geburt. Er war das dritte Kind und bekam dann durch die zweite Heirat seines Vaters noch 6 Halbgeschwister.

Er wuchs in Freiwalde auf, anfangs unter gesicherten finanziellen Verhältnissen. Später war das Gut stark verschuldet. Er hat in Lübeck Im- und Export-Kaufmann gelernt, wollte aber lieber Landwirt werden in der Gegend, wo er aufgewachsen war. Sein Vater hat sich dann im Dezember 1909 auf dem eigenen Besitz erschossen.

Am 25.11.1910 hat er in Königsberg unsere Großmutter Anna Kloevekorn geheiratet, die ebenfalls von einem Gut kam und auf dem Land leben wollte. Erst wurde Kupferhammer aus dem elterlichen Besitz gepachtet. Nach langem Suchen fanden sie Kulsen, das dann gemeinsam 1913 gekauft wurde, aus einer Erbschaft, dem Verkauf anderer Besitzungen und durch Aufnahme von Schulden .


Eltern Dross in Kulsen

Kulsen (siehe hierzu auch Nr. 6 auf der Karte von Ostpreußen) bestand aus einem 28 Jahre alten Wohnhaus mit 9 schönen Wohnzimmern, Insthäusern für 8 Familien, einem schönen Hof mit großer Scheune und sehr großen Stallungen. Es gbt Fotos vom Besuch von Mumu und Renate 1996 und von Mumus Geschwistern 1985 (siehe hier).

Ihre 4 Kinder Walter geb. 7.11.1911, Mumu geb.26.12.1914, Helmut geb. 17.1.1917 und Eckart geb.11.11.1918 wuchsen in Kulsen auf. An Kulsen hatte Mumu viele schöne Erinnerungen, unser Besuch dort 1996 war für sie sehr bewegend (siehe Bericht Besuch in Kulsen 1996).

Unser Großvater war im ersten Weltkrieg Soldat in Masuren, erhielt schon in der ersten Woche einen Steckschuß in die Hüfte – die Kugel war bis zu seinem Tode dort (das war lt. Winrich einer der Gründe, warum er im 2.Weltkrieg nicht eingezogen wurde). Später gehörte er zu einer Delegation, die sich bei Hindenburg für die Schlacht bei Tannenberg gedankt hat.
Er wurde von seinen Brüdern „Baron Dross“ genannt. An der Bahnstation von Benkheim bei Kulsen hieß es: Der Zug fährt dann ab, wenn die Kutsche von Herrn Dross auf dem Vorplatz steht!
Der Krieg war überstanden, das 4. Kind Eckart 2 Monate alt, als Mumus Mutter an der Encephalitis-Epidemie am 15.1.1919 starb. Berichte unseres Großvaters über ihr Leiden bis zum Tod sind erhalten (siehe hier).

Nach dem Tod von Anna Dross wurden wechselnde Hausdamen angestellt, die das übrige Hauspersonal wie Hauslehrer, Hausmädchen u.a. zu beaufsichtigen hatten. Er gab dann eine Annonce auf für eine Hausdame bei einem Witwer mit 4 Kindern, die die Mutter von Ursula Hartung, geb. 21.11.1897, sah – sie kam 1921 nach Kulsen.


Ursula Dross, geb. Hartung

Unser Großvater hat sie am 12.7.1924 in Königsberg geheiratet. Es  existieren einige Fotos von dieser Hochzeit (siehe hier).

Es wurden dann noch 3 Kinder in Kulsen geboren, die Zwillinge Wera und Ellen am 8.6.1925 und Winrich am 11.3.1927.


Alle Kinder der Familie Dross in Neukuhren 1929

Das Gut mußte 1929 verkauft werden. Mumu berichtete: „Aus Briefen habe ich ersehen, dass die Böden in Kulsen gut waren, die Gebäude sowie lebendes und totes Inventar in Ordnung, aber die Ereignisse im 1.Weltkrieg (siehe Bericht Anna Dross Kulsen 1914) und die Krankheit und der Tod meiner Mutter 1919 verschlangen Unsummen, dann die Inflation, die schlecht wirtschaftenden Hausdamen, die auch sonst Kosten verursachten, brachten den Ruin.“ Kulsen war hoch verschuldet, aber Mumus Vater war ein bekannter Mann und bekam immer wieder Bankkredite.

Beim Verkauf 1929 bekam er praktisch nichts mehr für das Gut. Er wurde dann Generalvertreter für Ostpreußen der Deutsch-Baltischen Ölgesellschaft Hamburg.

Winrich: „Es ist ein Rätsel, wie er es geschafft hat, die 7 Kinder durchzubringen, sie die Oberschule besuchen zu lassen, sie ordentlich zu kleiden und immer satt zu kriegen (es wurde sehr einfach gegessen)“.

Unser Großvater zog dann in den folgenden Jahren mit seiner großen Familie an verschiedene Orte in Ostpreußen, wo er preiswert eine Unterkunft fand. Ca. 1935/36 wurde die Familie dann in Kuhdiebs bei Mohrungen seßhaft (siehe hierzu auch Nr. 5 auf der Karte von Ostpreußen).


Kuhdiebs Villa am Bahnhof

Er wurde wieder Kaufmann, verkaufte auf den Gütern Öl für Traktoren, Wein von der Mosel und Lebensversicherungen.

Als der 2.Weltkrieg begann, hatte er sich wieder eine Existenz aufgebaut, es fing an besser zu werden. Er war ein Deutschnationaler und gegen Hitler. Als in Kuhdiebs angeblich 100% die Nazis gewählt hatten, hat er widersprochen, das könne nicht sein, denn er habe sein Kreuz bei den Deutschnationalen gemacht. Er hatte mal einen Unfall mit dem Auto bei Mohrungen, hatte keine Schuld. Er wurde von der Polizei aufgefordert, sich auf dem Revier zu melden. Um dort nicht den Arm zum Hitlergruß erheben zu müssen, hat er die Schuld auf sich genommen und gesagt, er habe keine Zeit. Winrich erinnert sich an Führerreden im Radio, wenn andächtig den Worten gelauscht werden mußte (Ursula Hartung war überzeugte Nationalsozialistin, was sicher für unseren Großvater nicht einfach war).

Für Mumu und ihre 2 kleinen Kinder Renate und Pimi hat er 1942 ein Feriendomizil in Kahlberg an der Ostsee (siehe hierzu auch Nr. 4 auf der Karte von Ostpreußen) gemietet, wovon ein schönes Foto vorhanden ist.


Vater Dross, Mumu mit Kindern Renate und Pimi

Ganz schrecklich muß für ihn der Tod des jüngsten Sohnes Eckart aus der Ehe mit Anna Kloevekorn gewesen sein. Eckart ist am 18.6.1942 als Soldat in Rußland gefallen (siehe auch hier).

Winrich hat seine Erinnerungen daran bei einem Besuch in Berlin 2012 berichtet. Ellen, Wera und Winrich waren im Nähzimmer gleich neben dem Musikzimmer mit dem großen Flügel und machten irgendwas. Wie erstarrt kam ihr Vater rein und sagte „Eckart ist gefallen“. Niemand hat das so richtig gehört, darauf der Vater mit großem Nachdruck „Hört Ihr, Eckart ist gefallen“. Winrich kann sich an diesen Satz und die Stimme genau erinnern. Nach seiner Erinnerung mußte Eckart einen Munitionstransport begleiten, der am 18.6.1942 in einem Bahnhof in Rußland explodiert ist.

Die letzten gemeinsamen Fotos aus Ostpreußen stammen von 1943.


Kuhdiebs letzter Besuch

Zu Ende des Krieges hatte unser Großvater eine schwere Lungenentzündung und ist am 21.2.1945 auf einem Leiterwagen liegend von Kuhdiebs aus mit den Gutsleuten Haese, den Besitzern von Kuhdiebs, auf die Flucht gegangen. Sie sind dann irgendwo auf ihrem Weg nach Westen auf einem Bauernhof in Wormedit von den Russen überrollt worden. Seine Frau wollte etwas Eßbares organisieren und ist nie wiedergekommen. Sie wurde verschleppt gen Osten und kam in ein Arbeitslager an der Wolga. Sie wurde sehr krank und ist auf dem Rücktransport nach Westen gestorben. Über ihr Schicksal gibt es einen bewegenden Bericht von 1947, den Wilhelm Kloevekorn, ein Bruder von Anna, geschrieben hat (siehe hier).

Da unser Großvater noch sehr krank war, blieb er dort, hat auf dem Speicher Körner gesammelt, ein russischer Unteroffizier hat ihm Holz gehackt und Tee gekocht. Er hat sich dann auf den Weg zurück nach Kuhdiebs gemacht, auch Haeses waren wieder dort. Als ein Transport „gen Westen“ ging, hat er sich angeschlossen und mußte feststellen, dass die Richtung nicht stimmte, hat sich dann alleine durchgeschlagen nach Halle zum Bruder unserer Großmutter Wilhelm Kloevekorn und seiner Frau Marete.

Bei uns in Hamburg erschien er irgendwann 1945, nachdem über mehr als 1 Jahr niemand wußte, ob er überhaupt noch lebt. Er hatte so gut wie nichts mehr, überlebenswichtig auf der Flucht war sein Eßbesteck, bestehend aus Löffel und Messer (ist bei Renate, Abbildung siehe hier).

Er war chronisch krank (Folge der Lungenentzündung), war längere Zeit in Sanatorien und hat in Detmold versucht Fuß zu fassen, wo er am 3.6.1954 verstorben ist. Er hat nach Einschätzung von Mutti den Tod beider Frauen und eines Sohnes im Krieg und den Verlust der Heimat nie verkraftet.


Erich Dross

In meiner Erinnerung war er ein großer schlanker Mann mit einem Schnauzbart, immer in kerzengerader Haltung, ein richtiger Preuße. Er trug meist unter dem Jackett eine Weste, in der an einer langen goldenen Kette eine Uhr hing. Und er hatte ein Monokel oder einen Kneifer. Es ging viel Strenge von ihm aus, er war kein Opa zum Kuscheln, wir nannten ihn auch immer distanziert „Großvater“.

Schilderungen von Mumu und Winrich zeigen, wie eindeutig er Erziehungsmaß-nahmen für seine Kinder vertrat, auf was sie alles zu achten hatten, nicht durften – und selbstverständlich gehorchten. Von Schlägen habe ich nie etwas gehört.

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