Familiengründung

Es gibt einen Bericht zum 60. Hochzeitstag am 25. Mai 1998, der sich im wesentlichen auf ein Gespräch mit Mumu am 6.2.98 in Berlin bezieht. Fast alles sind wörtliche Schilderungen von ihr.


Mumu und Opa 1937 im Bremer Umland

Mumu hatte am 30.9.1937 im Krankenhaus St.Jürgen mit der Ausbildung angefangen. Opa war dort auf der Gynäkologie als Arzt tätig.

„Zum 'Frei-Markt' sind wir dann zu 6 das erste mal ausgegangen, die 3 Assistenten und 3 Schülerinnen, so hießen wir. Ja, und so ging es dann weiter mit Spaziergängen im Bürgerpark oder weiter Richtung Blockland, Kuhsiel. Dazu muß ich noch etwas erwähnen: Von dieser Station wurde eine Zelle versorgt, in der gelegentlich Kriminelle aus dem Gefängnis lagen, 'Privat-ober' genannt, 2 Treppen höher. Und als wir uns näher gekommen waren, rief ich laut über die Station 'Schwester Hedwig, ich gehe mal zu Privat-ober' wenn Papi in der Nähe war. Dann stieg er mir nach, da waren wir ungestört.
Am 30.11.37 lud er mich zu einem Tanzabend der Palucca ein, danach waren wir im 'Flett' zum Essen und hierbei brachte er das Gespräch auf eine baldige Heirat, wenn ich mein Examen hätte! (Dazu muß ich noch sagen, dass Papi den Unterricht für die Schülerinnen machte, das war ein bisschen komisch, beim Abfragen ließ er mich aus). Ich stellte ihm meine Afrikawünsche vor, davon wollte er gar nichts wissen.“


Mumu und Opa in weiß in Bremen 1938

(Siehe hier auch die Verlobungsanzeige von 1938)

„Ich fuhr dann nach Kuhdiebs und Papi kam ca. 3 Tage vor der Hochzeit nach, zum erstenmal in Ostpreußen. In der Bahn hatte er ein nettes Erlebnis, ihm saßen eine Dame mit ihrer Tochter gegenüber und da er so glücklich aussah und wohl immer seinen glänzenden Ring betrachtete, fragte sie ihn ganz direkt 'Sie fahren doch sicher zu Ihrer Hochzeit'. Nachts um 2 Uhr holte ich ihn in Mohrungen ab und stellte ihn meinen Eltern vor. Die 3 'Kleinen' waren sehr neugierig.“

Es gibt Briefe von Ihnen anläßlich der bevorstehenden Heirat (siehe hier).

„Etwas muß ich noch erzählen. Bei den Nazis mußte man den Ariernachweis und ein Gesundheitszeugnis beim Standesamt vorlegen um zu heiraten. Ich hatte das schnell zusammen aber Papi mußte in Bremen, da Reserveoffizier, auch für mich beim Oberkommando den Ariernachweis vorlegen – und ein Leumundszeugnis über mich und meine Familie, das ist ein Roman bis wir verkuppelt waren. Die ganzen Papiere hatte Helmut mit, der schwamm um Afrika. Das hat ziemliche Schwierigkeiten gemacht. Der Standesbeamte, Kroll hieß er, wollte uns nicht ohne Bremer Genehmigung trauen, die kam dann als Telegramm eine Stunde vorher. Das hat uns allen viel Spaß gemacht. Mein Vater telefonierte mit dem Standortkommandanten von Elbing, den er gut kannte, wegen der Leumundszeugnisse für die Familie. Der lachte und meinte, die sind ja im Reich viel weiter als wir. Bei dem Telefonat wollte der Offizier in Elbing  natürlich den Namen des Bräutigams wissen, da stotterte mein Vater 'äh..äh.. wie heißt Du noch?'  Es war alles sehr komisch, das war am Abend vor der Hochzeit. Am 25. Mai 1938 war die Hochzeit.“


Hochzeitsfoto Mumu und Opa

Das Hochzeitsfoto ist kein „Original“, es musste von Mumus Vater aus 2 Fotos zusammengesetzt werden. Es gibt ein Original, das sehr witzig ist von Opa. Dieses und weitere Fotos siehe hier.

„Anschließend fuhren wir 4 Tage nach Rauschen und dann mit dem Schiff von Pillau nach Travemünde.“


Hochzeitsreise im Strandkorb

Weitere Bilder von der Hochzeitsreise siehe hier.

„In Hamburg nahm uns Omi erst einmal auf. Papi mußte dann schnell nach Schleswig den Standortarzt vertreten auf dem Fliegerhorst für 4 Wochen und fand die bewußte Wohnung.“
Ihre erste gemeinsame Wohnung bezogen sie in Schleswig auf dem Holm in der Süder Holmstraße 41a - wir alle haben dort am Haus zur Goldenen Hochzeit 1988 einen Besuch gemacht (siehe hier).

Opa wurde auch in andere Orte beordert, so dass er seine junge Frau viel allein lassen musste.

„Zu der Zeit mußte ein Arzt, um die Kassen zu bekommen, ¼ Jahr auf dem Land arbeiten. Papi hatte sich für Ostpreußen gemeldet und kam nach Wehrkirchen, früher Schittkehmen (die Nazis hatten alle Orte umbenannt) in der Rominter Heide (siehe hierzu auch Nr. 3 auf der Karte von Ostpreußen). Der Doktor war zu einer Wehrübung und anschließend ging das Ehepaar in Urlaub. Das waren 2 sehr schöne Monate, ein kleines Krankenhaus gehörte dazu, ein Auto mit Schofför, ich war häufig mit auf Besuchstour.“


Mumu und Opa - Wehrkirchen Juli 1938

„Anschließend mußte Papi einen Arzt am Jadebusen in Schwei vertreten für 4 Wochen, komisch, daran habe ich nicht mehr so viele Erinnerungen.

Und dann beginnt Hamburg. Vorher kauften wir in Bremen einen Triumph Junior, Adler, den Ihr noch kennengelernt habt.“


Opas Adler ca. 1940 am Niedernstegen

„Wir waren sehr stolz auf unser Auto. Beim Mittagessen bei Omi, wo wir anfangs gewohnt haben, schlug Papi mal vor, nach Segeberg zu fahren, Omi war so konsterniert 'da muß ich mich doch erst drauf vorbereiten' “.

Hier endet Mumus langer Bericht über die Anfänge, den sie mir nach Berlin geschrieben hat.

Danach waren alle Voraussetzungen für eine Praxisgründung als praktischer Arzt in Hamburg erfüllt. Dafür bekam er in der großer Zahnarztpraxis seines Freundes Harry Altschwager in der Washingtonallee ein Zimmer. Opa hatte sich sehr um eine Praxis bemüht, da er aber keine Nazi-Pluspunkte hatte, gab es erst zum 1.1.1939 die Kassenzulassung. In der Wartenau begann dann die Kassenpraxis, die Wohnung war dabei. Die Praxis lief überhaupt nicht, dort war kein Bedarf für einen zusätzlichen Arzt. Um den Lebensunterhalt verdienen zu können, hat Opa viele Nachtdienste gemacht, oft auf der Davidswache (Wache der Polizei auf der Reeperbahn in St. Pauli). Gutes Geld brachte auch die Schulung der Arbeiter, die für die geplante Elbbrücke Tätigkeiten unter Überdruck ausführen mussten, womit Opa sich in seiner Doktorarbeit beschäftigt hatte. Als Mumu die Situation von damals Jahrzehnte später schilderte, meinte sie „das hat uns gerettet“. Die Praxis Wartenau wurde dann bald aufgegeben, sie war zu teuer und brachte nichts ein  – bei einem Luftangriff im Krieg hat niemand in dem Haus überlebt. Ein Umzug in die Lübeckerstraße erfolgte in der Hoffnung auf mehr Patienten, was aber nicht der Fall war. Mumu hatte diese Zeit vor Ausbruch des Krieges in schrecklicher Erinnerung – es gab kein Geld, kein Licht, nichts zu heizen. Renate hat die ersten Monate ihres Lebens dort verbracht. Auch auf dieses Haus fielen später Bomben.

Ausführlich ist das beschrieben in der Chronik zu Opas 100. Geburtstag (siehe hier).

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