Kindheit und Jugend

Es gibt einen langen Bericht von Mumu über ihre Kindheit in Ostpreußen, den sie 1981 geschrieben hat. Den sollten alle unbedingt lesen, es ist eine eindrucksvolle Schilderung einer Kindheit auf dem Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts (siehe Bericht über Mumus Kindheit 1981).

Mumu wurde am 26.12.1914 in Bremen als zweites von vier Kindern geboren und auf den Namen Gerda Margarete Ottilie getauft (siehe auch Geburtsanzeige).


Anna Dross mit Mumu als Baby 1915

Von ihrem Vater gibt es einen Brief an seinen Schwiegervater über die Geburt (siehe hier).

Sie wuchs mit 3 Brüdern auf: Walter geb. 1911, Helmut geb. 1917, Eckart geb. 1918. Nach dem Tod der Mutter 1919 kamen dann noch in der 2. Ehe ihres Vaters die Halbgeschwister, die Zwillinge Wera und Ellen 1925 und Winrich 1927 auf die Welt. Da auf dem elterlichen Gut in Kulsen in Ostpreußen die Front zu Beginn des 1.Weltkrieges immer näher rückte, ging die hochschwangere Mutter Anna 1914 zur Entbindung zu Verwandten nach Bremen (Tante Dorle Kloevekorn, verheiratet mit Annas Bruder).


Mumu als Kind

Über die Kriegszeit mit den Militäreinquartierungen auf dem Gut gibt es einen langen Bericht ihrer Mutter (siehe hier). Wann es von Bremen nach Kulsen zurück ging, konnte ich nicht herausfinden. Hier sind einige Fotos aus dieser Zeit.
Es gibt eine ganze Anzahl von Kinderfotos, die sie oft mit ihren Brüdern zeigen. Mumu: „Helmut, Eckart und ich spielten eigentlich immer zusammen, wir hatten sonst keine Freunde, von gelegentlichen Besuchen auf den Nachbargütern abgesehen. Ich durfte genauso wie ein Junge mit ihnen umher toben, Puppen interessierten mich überhaupt nicht.“


Kulsen 1918

Am 15.1.1919, wenige Monate nach der Geburt von Eckart (11.11.1918), ist ihre Mutter an der damals grassierenden „Spanischen Grippe“, einer Encephalitis-Epidemie, gestorben, die in ganz Europa ca. 20 Millionen Tote forderte. Mumu war gerade 4 Jahre alt. Mumu: „Nach dem Tod meiner Mutter sehe ich uns dann in Vaters Zimmer, es war trübe und dämmerig. Vater und Walter saßen auf der Chaiselongue und weinten, Helmut und ich wärmten uns am weißen Kachelofen. Ich fühlte mich ausgeschlossen und unbehaglich, konnte das ganze Geschehen auch nicht begreifen.“ Die Mitteilung über diesen Tod ist in einem Brief von Mumus Vater an seinen Schwiegervater von 1919 erhalten (siehe hier).

In der aktuellen Notsituation auf dem Gut mit 4 kleinen Kindern kam Tante Dorle aus Bremen nach Kulsen, deren Mann 1916 an der Somme gefallen war und deren Tochter Helmtraut knapp 2 Wochen älter war als Mumu. Damals entstand die enge Bindung an Tante Dorle, die von Mumu ja auch Mami genannt wurde. Mumus Vater hätte Tante Dorle, die Witwe des gefallenen Bruders seiner verstorbenen Frau, wohl gerne geheiratet, die geborene Heidelbergerin konnte sich aber nicht zu einem Leben auf dem Lande entschließen und ging nach Bremen zurück, wo sie später Onkel Enge (Wilhelm Engehausen) heiratete, den wir Gebhardt-Kinder alle sehr gern hatten.


Helmut, Helmtraut, Gerda, Walter

Als Mutterersatz hatte sie dann nur noch ihre Patentante, die aber auch bald starb. Mumu: „Jedes Jahr bekam ich einen goldenen Mokkalöffel – es sind nur 5 geworden“ (die sind bei Renate). Mumu hat mir gegenüber einmal angedeutet, wie schrecklich diese beiden sehr kurz nacheinander erfolgten Tode für sie waren.

Mumu: „ Von den folgenden Jahren weiß ich sehr wenig, es waren immer wieder andere Menschen da, die sich um uns kümmerten, immer wieder fremde Hausdamen, die keinen Eindruck hinterlassen haben. Wir mochten sie nicht, sie wollten uns immer küssen und das fanden wir schrecklich. Eine von ihnen versuchte wohl, mich zum Verzicht zu erziehen: Hinter dem Buffet hatte sie Süßigkeiten. Ich sehe sie noch an der offenen Tür stehen, wir umdrängten sie, Helmut und Eckart bekamen etwas, ich aber ging leer aus. Ich muß das damals als furchtbar ungerecht empfunden haben, weil ich diese Szene nie vergessen konnte.“

Aufs Gut kamen wechselnde Kindermädchen/Hausdamen. 1921 kam Ursula Hartung, die von den Kindern Tante Uschen genannt wurde. Mumus Vater hat die 17 Jahre Jüngere am 12.7.1924 in der Schloßkirche in Königsberg geheiratet. Auf dem Hochzeitsfoto ist Mumu mit ihren 3 Brüdern zu sehen.


Hochzeit Dross in Königsberg 1924

Nach der Hochzeit „begann ein neues Leben in Kulsen. Es wurden Besuche bei den Nachbarn gemacht, ein regerer Verkehr begann als wir es von früher gewohnt waren“. Da es viele Bedienstete gab und auch genügend Platz war, kamen viele Verwandte zu Besuch, es gab größere Gesellschaften und auch Treibjagden. Zu den Bediensteten gehörten die Instleute, der Hauslehrer, Hausmädchen, die Mamsell, der Kutscher u.a.. Es gab Pferde, Kühe, Schweine, Hühner und Gänse und einen Karpfenteich. Mumu: „Vor Weihnachten wurde der Karpfenteich abgelassen. Die Mamsell mußte jedes mal einige verpacken, die per Express zu den Verwandten nach Königsberg, Berlin oder Bremen gingen. Dazu bekamen sie ein Stück in Rum getränktes Brot ins Maul und wurden in einem durchlöcherten Korb in Stroh verpackt zur Bahn gebracht. Am nächsten Tag waren sie beim Empfänger, wo sie in der Badewanne wieder munter wurden.“ Kulsen war in den Schilderungen von Mumu für uns Gebhardt-Kinder immer etwas ganz Besonderes, Wunderschönes, Großes, das aufzugeben für sie schrecklich gewesen sein muß. Besonders ihren Schilderungen über den Heiligen Abend mit der großen Tanne aus dem eigenen Wald und der Bescherung für die vielen Bediensteten – erst danach kamen die Kinder dran – haben wir immer fasziniert gelauscht (siehe hierzu ausführlichen Bericht über Mumus Kindheit 1981 ab S.14).

Mumu hatte ja mit ihren jüngeren Brüdern Privatunterreicht im Haus, sie mußte aber jede Ostern „zur Prüfung nach Königsberg fahren. Auf dem Bismarck-Lyceum mußte ich beweisen, dass ich die Kenntnisse der entsprechenden Klasse besaß. Ich genoß diese Abwechslung sehr: Eine ganze Klasse Mädchen vom Lande, die Arbeiten schreiben mußten und mündlich geprüft wurden.“


Mumu ca. 1928

Mumu: „Zu Ostern 1928 kam ich zu meiner Großmutter Dross nach Elbing, um dort das Lyceum zu besuchen. Diese Umstellung vom ungebundenen Leben auf dem Lande in eine beengte Stadtwohnung, den Schulzwang und die vielen fremden Gesichter ist mir sehr schwer gefallen!“ Sie hat mir mal erzählt, wie schrecklich das für sie war, sie hat sich als ungebildetes Mädchen vom Lande gefühlt - und bald auch noch verarmt. Auch einige Klassenfotos von damals sind erhalten (siehe hier). Es war selbstverständlich, dass die Brüder das humanistische Wilhelmsgymnasium in Königsberg besuchten. Helmut und Eckart haben dort Abitur gemacht. Die Situation auf dem Gut wurde finanziell immer aussichtloser, es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, in der viele ostpreußische Güter aufgegeben werden mußten. Kulsen mußte 1928 verkauft werden, Mumu war 13 Jahre alt. Ihr Bericht über ihre Kindheit endet auch mit dem Verkauf von Kulsen: „Als meine Großmutter mir dann im Sommer eröffnete, dass Kulsen verkauft wäre, weinte ich bitterlich – damit war meine Kindheit zu Ende.“ Ich habe gemeinsam mit Mumu 1996 eine Fahrt nach Kulsen (jetzt ca 8 km vor der Grenze nach Rußland) gemacht, über die es einen Bericht gibt (siehe hier).


Mumu Elbing März 1930

Nach dem Verkauf von Kulsen wohnte die Familie an verschiedenen Orten immer nur zur Miete, teilweise sehr einfach, ihr Vater verdiente das Geld als Generalvertreter. Genaues konnte ich nicht finden, aber Mumu wird an Wochenenden oder in den Ferien von Elbing aus zur Familie gefahren sein, wo es über lange Jahre wahrscheinlich nicht sehr komfortabel und finanziell sehr begrenzt war. Winrich meinte, für ihn grenze es an ein Wunder, dass es unserem Großvater Erich Dross immer gelang, die große Familie satt zu kriegen – es war einfach aber immer genug da.

Im Sommer 1929 lebte die große Familie mit inzwischen 7 Kindern in Neukuhren, auch die Brüder werden nicht immer dort gewesen sein, nur „die Kleinen“, wie Mumu sie oft nannte. Da das Haus nicht zu heizen war, wurde im Herbst 1929 nach Transsau bei Laptau umgezogen (Station der Bahn zwischen Königsberg und Cranz). Das Haus war eine „Schwammbude“. Hier sind einige Fotos aus dieser Zeit.
Für 1 Jahr erfolgte ca 1935/36 der Umzug nach Tromitten östlich von Königsberg. Und 1937 wurde das Haus in Kuhdiebs gemietet, wo die Hochzeit von Mumu und Opa stattfand und Renate und Pimi die ersten Sommer ihres Lebens verbracht haben.
Es gibt einige Fotos von Mumu aus dieser Zeit, das Bild in der Blumenwiese haben wir als Kinder immer besonders schön gefunden.


Mumu und Erika Transau Juli 1931

Mumu hatte in dieser Zeit eine enge Freundin Erika. Die Fotos zeigen die beiden gutaussehenden ca 16-Jährigen (siehe hier). Viele Ergänzungen über das Leben der Dross-Familie in Ostpreußen enthält der Bericht von Wera, dessen 1.Teil sie noch kurz vor ihrem Tod fertiggestellt hat und dessen 2.Teil durch ihren plötzlichen Tod nicht mehr erstellt werden konnte (siehe hier).


Mumu Königsberg Oktober 1933

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