Kriegsjahre

Am 29.8.1939 erhielt Opa seinen Gestellungsbefehl als Soldat, mußte von einem Tag auf den anderen bei der Luftwaffe antreten und war in Salzwedel und später in Holland und Paris eingesetzt. Und Anfang September begann der 2.Weltkrieg.

Renate (geb. 12.12.39) hat die ersten Monate ihres Lebens noch in der Lübecker Straße verbracht (Geburtsanzeige siehe hier).


Mumu und Renate März 1940

Da Opa durch die Praxis so gut wie kein Geld verdient hatte, hat Mumu von der Ärztekammer auch bei Kriegsausbruch keinerlei finanzielle Unterstützung bekommen. Anfangs lebte sie von dem Geld vom Brückenbau, das erst verspätet ausgezahlt worden war. Opa hat dann veranlaßt, dass sein Wehrsold direkt an sie überwiesen wurde, er hat nur ein Taschengeld behalten.
Am 1.3.1940 erfolgte der Umzug zum Niedernstegen 11 – „das war wie ein Paradies“ (Fotos siehe hier). Wie ein Wunder war, dass es hier bis 1944 noch Warmwasser und Zentralheizung gab.

Mumu mußte sich also allein in ein neues Umfeld einleben, Opa war im Krieg und das Baby wenige Monate alt. „Ein Lichtblick war, dass Harry Altschwager oft am Abend vorbei kam.“

Und am 23.Juli 1941 wurde Pimi geboren (Geburtsanzeige siehe hier).


Mumu und Pimi 1941

Aus den Kriegsjahren gibt es einige Kinderfotos von Renate und Pimi, auf einigen auch mit Mumu (siehe hier).


Renate, Opa, Mumu, Pimi und Omi 1941
Niedernstegen auf dem Balkon

Wichtige Unterbrechungen des Lebens in Hamburg waren die jährlichen mehrwöchigen Besuche in Kuhdiebs bei Mumus Eltern von 1940 bis 1943, zu denen Opa gelegentlich kurz dazu kommen konnte, er hatte relativ viel Urlaub, sein Chef schickte ihn auch öfter als Kurier nach Berlin oder Hamburg.


Ellen, Mumu mit Renate, Ursula Dross, Winrich, Wera

Mumus Vater hatte im August 1942 ein Häuschen in Kahlberg auf der Frischen Nehrung gemietet - die Fotos (siehe hier und siehe Nr. 4 auf der Karte von Ostpreussen) aus dieser Zeit enthalten nichts von den Schrecken des Krieges.

Von der langen beschwerlichen Bahnfahrt nach Ostpreußen mit 2 kleinen Kindern und Umsteigen in Berlin gibt es ein leider unscharfes Foto vom Mai 1943.


Umsteigen in Berlin Mai 1943

Ein sehr beeindruckendes Erlebnis in den Kriegsjahren war für Mumu die Hochzeit ihres älteren Bruders Walter in Pommern auf dem Land, wo es alles gab, was sie in Hamburg schon lange nicht mehr in den Geschäften gesehen hatte (Fotos siehe hier).

Die drei Brüder von Mumu - Walter, Helmut und Eckart - waren alle als Soldaten im Krieg. Eckart, der aus seinem Ingenieurstudium gerissen wurde, kam an die Ostfront und ist am 18.6.1942 in Rußland gefallen.


Eckart als Soldat ca. 1942

Anna Dross hat ein Bild von Eckart im Krieg gemalt nach einem Foto (siehe hier).

Die großen Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 – unser letzter Besuch in Ostpreußen – waren für Mumu die große Wende. Sirenen und Angriffe gab es schon vor 1943, danach war es aber noch viel schrecklicher. Nach den Angriffen wurden Viele evakuiert - Mumu ist übrigens nie zur Evakuierung aufgefordert worden.

Mumu und Opa sind im August 1943 von Ostpreußen zurück nach Hamburg gefahren, die Wohnung am Niedernstegen 11 war nach allen Informationen nicht zerstört.

Rückblickend (1998) hat Mumu Folgendes geschildert:

„Als Papi und ich, ich glaube es war der 9.August 1943, nach Hamburg kamen, nach einer fürchterlichen Fahrt im überfüllten Zug, sahen wir das zerstörte Hamburg. Da die U-Bahn nach Ohlsdorf ging, ich hörte das beim Anstellen für einen Bus, gingen wir die Mönckebergstraße entlang, alles Trümmer, in denen es teilweise noch brannte und rauchte. Es war schrecklich und wir der Meinung, dass wir es nicht erleben würden, dass alles aufgeräumt würde, geschweige denn aufgebaut. Wie ein Wunder, als wir Kellinghusenstraße (mit der U-Bahn) aus der Erde kamen, war alles heil und so blieb es bis zum Niedernstegen.“

Später im August sind dann das Pflichtjahrmädchen Hanni und Wera mit Pimi und Renate aus Ostpreußen nachgekommen, es gab wieder Gas und Strom und Wasser in Hamburg.

Mumu war zu dieser Zeit ja im 7. Monat schwanger mit Rike.

„Am 31.10.1943 fuhr ich nachts mit einem Taxi (für Entbindungen gab es welche) in die Finkenau. Es war eine typische Herbstnacht, mit jagenden Wolken und fast Vollmond, der gespenstisch durch die Ruinen in der Hamburger Straße schien. Diese Fahrt vergesse ich nie!!  Als der Taxifahrer in die Straße zur Finkenau (große Entbindungsklinik) einbiegen wollte, war sie durch eingestürzte Wände gesperrt. Um nicht einen großen Umweg zu machen, nahm der Mann auf mein Zureden mein Köfferchen und wir kletterten über die Trümmer. Er lieferte mich wohlbehalten ab.“
Rike wurde am 1.11.43 geboren (Geburtsanzeige siehe hier).


Mumu und Rike 1943/1944

„Ich lag dann 10 Tage im Bunker. Ein Privileg als Arztfrau, alle anderen Wöchnerinnen kamen nur rein bei Alarm! Kein Platz!“


Mumu und Kinder 1944

Auf den Fotos (siehe auch hier) sieht alles so friedlich aus und wenige Monate vorher waren die schweren Zerstörungen in Hamburg gewesen.

Mumu meinte oft, es sei wie ein Wunder, daß wir von Bomben verschont blieben, da „Röntgenmüller“ und der Flughafen in der Nähe waren. Der letzte Angriff auf Hamburg vor Kriegsende sollte dem Norden gelten, wo der Niedernstegen in  Fuhlsbüttel liegt – es kam ein Gewitter und die Bomben sind über Elmshorn gefallen.

Wenn Alarm war, mußten alle in den Luftschutzkeller. Mumu hat nur sehr wenig Hilfe mit ihren 3 kleinen Kindern dabei erhalten, gelegentlich kam der ca 14jährige Nachbarssohn, um eines der Kinder zu tragen. Immer geholfen hat die junge Frau des Schauspielers Lenschau, die oft bei den Nachbarn Winterhagers zu Besuch war und bei Sirenengeheul sofort kam. Wenn Mumu keine Hilfe hatte, mußte sie erst 2 Kinder nach unten in den Luftschutzkeller bringen und das 3. Kind oben lassen. Das war schrecklich, da ja etwas passieren konnte. „Manchmal habe ich gedacht, bleiben wir doch alle oben, wenn es schon vorbei sein soll, dann sind wir wenigstens alle zusammen tot. Ich habe häufig auf dem kleinen Flur gestanden, an die Schlafzimmertür gelehnt.“

Aus den vielen Briefen, die Mumu und Opa sich während des Krieges geschrieben haben, sind Auszüge hier wiedergegeben . Und hier sind Auszüge aus dem Kriegstagebuch von Opa.

Im Luftschutzkeller hat Mumu, die ja sehr scheu war, mal eine unvorsichtige Bemerkung gemacht – „wenn der Krieg doch endlich vorbei wäre“ oder so – und dadurch fürchterliche Angst gehabt, dass das Folgen haben könnte. Der Blockwart war natürlich ein 100%iger Nazi. Zum Glück gab es Frau Winterhager, mit der sie darüber gesprochen hat, die konnte sie beruhigen.
Mumu hatte nach Weihnachten 1944 – als Wera, beurlaubt von ihrem Einsatz in einer Munitionsfabrik in Königsberg, nach Kuhdiebs konnte – keine Informationen aus Ostpreußen mehr.
Gegen Kriegsende „dachte man nur noch an das kleine Überleben“. Mumu war sehr allein in dieser Zeit, sie kannte ja kaum jemanden in Hamburg. Omi kam regelmäßig alle 14 Tage sonntags zu Besuch. Wichtig war Frau Winterhager, die im Nachbarhaus Wand an Wand wohnte und auch gegen Hitler war. Gegen Ende des Krieges hat sie etwas mehr Kontakt mit einer anderen Nachbarin bekommen, Frau Schulte, die ebenfalls dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber stand. Mit der ist sie auf Hamstertour gegangen und hat Bäume gefällt für Brennholz.

Aus der Zeit vor Kriegsende sind einige Briefe erhalten, die Mumu erhielt (siehe Brief Onkel Wilhelm Kloevekorn 25.2.1945 und Brief Tante Marianne Bartels vom 26.2.1945). Darin wird das Schicksal von Verwandten beschrieben, einige kamen mit der 'Wilhelm Gustloff' um, einem Schiff mit Flüchtlingen aus Ostpreußen, das durch mehrere Torpedos versenkt wurde (mit mehr als 9000 Toten). Aber in vielen Fällen war der Aufenthaltsort noch völlig unklar, niemand wußte, ob sie die Flucht überhaupt überlebt hatten. Große Unklarheit herrschte auch über Mumus Eltern, einmal hieß es, sie seien in Königsberg umgekommen.

Opa kam am 1.Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft bei Garmisch-Partenkirchen in Bayern und Anfang August 1945 kam er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Er konnte bis an die völlig zerstörten Elbbrücken kommen und von dort anrufen bei Mumu, die monatelang nichts von ihm gehört hatte. Renate erinnert sich, wie sie auf der Straße am Niedernstegen spielte und von Mumu gerufen wurde, sie möge mal schnell hoch kommen. Mumu hatte Tränen in den Augen, nahm sie in den Arm und sagt, Papi habe gerade angerufen, er komme noch heute nach Hause. Er brauchte dann noch viele Stunden, um sich bis zum Niedernstegen durchzuschlagen. Und für die Kinder kam ein relativ fremder Mann in die Wohnung, der nun dazu gehörte. Wir standen am Küchenfenster und sahen auf die Straße und fragten Mumu „ist er das?“.

Wie mag es Mumu in diesen Jahren ergangen sein? Wie hat sie das bloß bewältigt?

Sie war 30 Jahre alt bei Ende des Krieges.

Opa war nur zu Urlauben zu Hause. Sie mußte damit rechnen, dass er den Krieg nicht überleben würde wie sie in den vielen Anzeigen von Gefallenen täglich lesen konnte und in der Nachbarschaft hörte.

Sie hatte 3 im Krieg geborene kleine Kinder zu versorgen, hatte alleine die Verantwortung zu tragen. Sie mußte über lange Zeiten sehr oft nachts in den Luftschutzbunker im Keller, wo alle Bewohner in einem Raum mit eng gestellten Doppelstockbetten auf die Entwarnung warteten.

Sie hatte nur wenige Kontakte - eine Freundin war Denise Rother, ebenfalls Arztfrau, deren Mann aber nicht als Soldat eingezogen war. Und sie mußte ständig sehr vorsichtig sein in dem was sie sagte, da überall Denunzianten waren.

Als die Versorgungslage schwierig wurde, mußte sie Essen und Heizmaterial organisieren („hamstern“), sie hatte deshalb einen Schrebergarten in Alsterdorf gepachtet, für dessen Bewirtschaftung sie aber offensichtlich keine Kraft hatte. Später gab es dann den Garten direkt vorm Haus.

Ständig wird sie sich mit dem Schicksal ihrer Eltern und Geschwister beschäftigt haben unter großen Ängsten, ob sie überhaupt noch am Leben sind und unter welchen Umständen sie im Moment existieren. Viele Informationen, die sie erhielt – wenn überhaupt Nachrichten kamen -  machten wenig Hoffnung, die ostpreußische Familie je wieder zu sehen.

Ich habe Anfang der Achtzigerjahre in Berlin erlebt, wie traumatisch all diese Erlebnisse für sie gewesen sein müssen. Mumu und Opa waren bei mir zu Besuch und ich hatte Karten für eine Revue im Schillertheater über die Dreißigerjahre. Das endete mit Songs aus dem Krieg, unterlegt mit Sirenengeheul und Einschlägen von Bomben. In der darauf folgenden Nacht wachte ich auf von einem schrecklichen durchdringenden Schrei wie in Todesangst – es war Mumu, die vom Krieg geträumt hatte. Im Gespräch am nächsten Tag erfuhr ich dann, dass Mumu das häufig quält und Erinnerungen oder äußere Reize diese alten Ängste aus dem Krieg wieder auslösen.

Nach oben