Neubeginn und Wohlstand

Ende April 1945 war der Krieg in Hamburg vorbei und die englische Besatzungszeit begann. Ein Segen für alle nach Ende des Krieges war, dass es die Wohnung am Niedernstegen 11 gab. Die Familie hat dort vom 1.3.1940 bis zum April 1952 gewohnt, über die Straße wurde später ein Garten gepachtet, wo Hühner gehalten und Gemüse angebaut werden konnte und es auch Blumen gab, was in der angespannten Versorgunglage nach dem Krieg sehr wichtig war.

In Mumus Erinnerung „ging die Versorgung über Lebensmittelkarte anfangs noch, es gab aber kaum Heizmaterial“. Der einzige Ofen stand in der Küche, eine Sitzecke und Spielfläche für uns Kinder wurde auf dem Flur eingerichtet, da dorthin etwas Wärme kam. Schlimm wurden dann der Winter 1945/46 und ganz schrecklich der Winter 1946/47. Herr Kühl, ein Patient und später Freund von Opa, hatte Verbindungen in die Göhrde, dadurch konnte manches Lebensnotwendige organisiert werden. Mumu und Opa müssen mit ihren drei kleinen Kindern schreckliche Zeiten durchgemacht haben. So hatten wir Kinder z.B. in dieser Hungerzeit Keuchhusten und haben das wenige, was es zu essen gab, meist gleich wieder erbrochen – während Mumu und Opa das mit ansehen mußten und sich vor Hunger krümmten.
Das Foto zeigt die Unterernährung von beiden.


Gebhardts 1946

Nach dem Krieg war Mumu die Anlaufstelle  für ihre Familie aus Ostpreußen. Noch vor Opa (1.8.1945) kam ihr Bruder Winrich aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Bayern. Er hat die Familie sehr unterstützt, da er Vieles auf dem Schwarzmarkt organisieren konnte. Ihre Schwester Ellen kam – wohl auch schon vor Opa – zu Fuß aus Pommern. Sie war immer kurz vor den anrückenden Russen, hinter sich die brennenden Dörfer. Durch unsere Nachbarn, das alte Kapitänsehepaar Genenz, erhielt sie eine Anstellung bei deren Tochter. Ihre Schwester Wera war mit einem Schiff von Pillau bei Königsberg gekommen, hatte zum Glück die „Wilhelm Gustloff“ verpaßt und ging kurz nach Dänemark, kam dann zu uns und wechselte zum Studium der Biologie nach Kiel. Ihr Bruder Helmut kam später aus englischer Kriegsgefangenschaft und bekam erst einmal ein Zimmer bei Genenz.

Und Mumus Vater kam im August oder September 1945, hat von Ohlsdorf aus angerufen, seit Weihnachten 1944 hatte keinerlei Verbindung mehr bestanden. Er ist sehr bald ins Krankenhaus gekommen und dann wegen der Tuberkulose nach Sahlenburg bei Cuxhaven ins Sanatorium. Ihr Bruder Walter kam erst Weihnachten 1948 aus russischer Gefangenschaft. Das erste Lebenszeichen von ihm, eine Karte an Mumu, ist ein eindrucksvolles Dokument aus dieser Zeit (siehe hier).

Mumus Stiefmutter Ursula Dross war verschollen, ihr schreckliches Schicksal konnte erst 1947 geklärt werden (siehe hier).

Für Opa war das eine schwierige Zeit, er hat - als Einzelkind und außer seiner Mutter ohne Verwandtschaft - die vielen Dross, die dramatische Situationen überlebt hatten, so eng um sich nur schwer tolerieren können.

Existenzgrundlage war die Praxis als „praktischer Arzt und Geburtshelfer“. Nach der Entnazifizierung wurde am 1.9.45 mit der Praxis (es war die dritte nach den beiden Versuchen vor dem Krieg)  in der Wohnung am Niedernstegen begonnen. Es lief gleich sehr gut, deshalb waren bald größere Räume nötig und schon am 1.10.45 konnte die Praxis in der Sengelmannstraße  eröffnet werden, wo sie bis zum Ruhestand von Opa am 31.12.1977 in erweiterten Räumen bestand.
Genaueres ist auf der Webseite von Erwin Gebhardt nachzulesen (siehe hier).

Die Praxis lief gut, durch die vielen Postbeamten gab es auch relativ viele Privatpatienten, aber Opa war kein Geschäftsmann, hat nie hohe Rechnungen gestellt. Mumu hat viel in der Praxis ausgeholfen, vor allem bei den Quartalsabrechnungen mit den Krankenkassen. Sie kannte fast alle Patienten und war in unserer Gegend oft die „Frau Dr.“, was ihr sehr unangenehm war und was sie immer korrigiert hat. Auch in Opas soziales Engagement für seine Patienten war Mumu eingebunden. So gab es eine alte Flüchtlingsfrau  aus Danzig, die in den Nissenhütten (Wellblechhütte mit halbrundem Dach als Notunterkunft) lebte und als Flickfrau bei uns aushalf – damals konnte man ja kaum was neu kaufen - und Essen und etwas Geld bekam. Und am Nachmittag von Heiligabend ging Opa jedes Jahr mit Päckchen voller köstlicher Weihnachtsplätzchen von Mumu zu alten Patienten, die einsam waren – wir Kinder fanden das ziemlich überflüssig, da das die Bescherung zu verzögern drohte.

Vor allem hat Mumu aber schwerpunktmäßig die Familie versorgt, hat sich um die Verpflegung gekümmert, was bis zur Währungsreform 1948 sehr schwierig war. Allein die viele Wäsche sauber zu bekommen ist heute kaum mehr vorstellbar: 1x im Monat dufte sie die Waschküche am Niedernstegen unten im Keller benutzen. Da mußten große Kessel angeheizt werden, die Wäsche wurde gekocht und mit langen Holzstäben gerührt. Ich sehe sie noch vor mir, in alten Klamotten, ein Tuch um den Kopf gebunden mitten im Dampf und wir mußten nach der Schule den Hausschlüssel bei ihr abholen, da dieser Waschtag bis spät in den Nachmittag dauerte.
Und Mumu mußte viel kochen bzw. Essen warm halten. Mittags kam Opa nach Hause, wir haben aber selten alle zusammen gegessen. Da viele Schulen zerstört waren, gab es noch Schichtunterricht, der Beginn war dann zeitweilig mittags.
Mumu hat Jahrzehnte später mal berichtet, wie schrecklich sie es fand, als wir Kinder uns beim Abendbrot darüber unterhielten, ob wir uns überhaupt noch vorstellen könnten, wie es wäre wenn unser Vater mit am Tisch sitzen würde.

Die folgenden Fotos zeigen, dass es aber unter den schwierigen Bedingungen bergauf ging. Ich bin mir sicher, dass es Mumu und Opa gelungen ist, uns Kinder so wenig wie möglich unter den Zuständen leiden zu lassen.


Renate, Pimi und Rike 1946

Auf dem nächsten Foto ist die Wohnung am Niedernstegen links oben (2. Etage) zu erkennen.


Pimi, Rike und Renate 1947 im Garten Niedernstegen

Pimi, Rike und Renate 1947

Als es wirtschaftlich besser ging, machten Mumu und Opa regelmäßig Reisen im Mercedes - immer im Mai und ohne die Kinder und anfangs nach Nonnenhorn am Bodensee. Mumu hat später oft gesagt, wie gerne sie mit den Kindern verreist wäre, aber „Papi brauchte seine Erholung“. Einmal waren sie mit uns auf Sylt in Wenningstedt, bleibende Erinnerungen sind nicht vorhanden, sowas wurde auch nicht wiederholt. Einige Urlaubsbilder sind hier zu sehen.

Sehr schön waren die regelmäßigen Tagesausflüge mit der ganzen Familie, an die Ostsee, die Heide, die Elbe. Wir Kinder haben dadurch relativ viel gesehen von der Umgebung von Hamburg. Und haben oft sehr erfolgreich Pilze gesammelt! Mumu verreiste mit den Kindern auch für einige Tage, Opa kam dann am Wochenende dazu.


Opa, Renate, Pimi und Rike 1950 an der Elbe

Weitere Bilder von Ausflügen siehe hier.

Vom Dezember 1951 gibt es eine schöne Portraitserie von Mumu (siehe hier) und ein Foto von Mumu und den Kindern – wahrscheinlich  ein Weihnachtsgeschenk für Opa.


Pimi, Mumu, Renate und Rike 1951

Die Wohnung am Niedernstegen war zu eng geworden, wir Kinder schliefen z.B. in einem kleinen Zimmer mit rechts und links je einem Klappbett, die wurden abends zusammengeklappt, es ergab sich eine große Liegefläche für alle drei. Und in dem kleinen Eßzimmer schlief hinter einem Vorhang unsere Hausangestellte (Dienstmädchen).


Wera, Opa, Rike, Mumu, Pimi und Renate ca. 1952

Es wurde dann in der Nähe am Föhrenweg ein eigenes Haus gefunden, im April 1952 war Einzug – jedes Kind hatte anfangs ein eigenes Zimmer! Es gab jetzt eine Terrasse und einen schönen Garten und damit waren die Ausflüge in die Umgebung so gut wie vorbei (Fotos siehe hier).

Mumu wurde durch Opa überzeugt, noch ein 4.Kind haben zu wollen, er hatte ja die frühe Entwicklung der drei Großen nicht richtig miterlebt, nur in den Urlauben im Krieg. Am 21.12.1953 wurde dann Sabine geboren (siehe Geburtsanzeige). Mumu war fast 39 und Opa 44, was für damalige Zeiten sehr alt war.


Mumu und Sabine im April/Mai 1954

Weitere Fotos mit Sabine siehe hier.

Die Familie war also noch einmal größer geworden, ich denke, dass auch damals 4 Kinder eher ungewöhnlich waren.


Rike, Pimi, Sabine, Renate und Mumu ca. 1957

Renate, Sabine, Rike und Pimi 1958

Die Urlaube wurden ja fast immer ohne die Kinder verbracht, später wurde Sabine öfter mitgenommen. Einmal waren wir alle in Karlshafen an der Weser, wann und aus welchem Grund weiß ich nicht mehr. Es hatte wohl was damit zu tun, dass Opa von hier einen kleinen Hund holen wollte, den wir uns alle so sehr wünschten. Anfangs war es ein Airedale Terrier, der uns gestohlen wurde, dann später unser Cocker Spaniel Harro. Er war über viele Jahre ein wichtiges Familienmitglied – meist versorgt von Mumu, die sich nicht nur um sein Fressen kümmerte sondern auch um die Spaziergänge. Sie nahm ihn meist mit zum Einkaufen.


Harro

Gelegentlich ging es an die Ostsee nach Scharbeutz, da dort Blacksteins lebten (Opa war Patenonkel von Gunther).


Gitli Petersen, Mumu und Regina Blackstein
Ostsee 60iger Jahre

Ein sehr schönes gemeinsames Erlebnis war die Silberhochzeit am 25.5.1963. Dazu traf sich die gesamte Familie in Bloemendaal in Holland. Mumu, Opa und Sabine (mit gebrochenem Arm, beim Voltigieren vom Pferd gefallen) waren schon länger dort, Rike reiste aus Paris an, wo sie schon seit einiger Zeit lebte, und Pimi und Renate aus Hamburg.


Silberhochzeit in Holland 1963

Mumu und Opa hatten immer viele Kontakte zu Freunden, oft traf man sich abends zu Bier oder Wein und diskutierte laut und engagiert. Es gab auch gegenseitige größere Einladungen. Mumu hat das immer besonders schön ausgerichtet, wie man am Foto von einem ihrer Bufetts sieht.


Mumu mit fertigem Buffet 60iger Jahre

Mumu und Opa feierten auch gerne in größerem Rahmen, so wurden zusammen mit Freunden Bälle oder Faschingsfeste besucht (Fotos siehe hier).

Mumu war auch im Krieg gelegentlich ins Theater gegangen, wovon sie Opa immer mal wieder in den Briefen während des Krieges berichtete. Und Opa war sehr theaterbegeistert. Mit ihren Freunden Rothers hatten sie ein Abonnement am Deutschen Schauspielhaus, eine dritte Karte war meist für Renate. So haben wir fast alle großen Aufführungen unter der Intendanz von Gustav Gründgens gesehen. Ich erinnere, wie begeistert sie waren, als sie Abo-Karten für „Faust II“ hatten und in dieser Aufführung unser damaliger Bundespräsident Heuss anwesend war.

Nachdem die drei Großen ausgezogen waren, war das Haus am Föhrenweg über die 4 Stockwerke (incl. Keller) zu groß und für das Alter mit den vielen Treppen unbequem – das ebenerdige Atriumhaus am Weißdornweg mit dem kleinen Garten war ab Oktober 1969 eine ideale Alternative.


Rike, Opa, Pimi, Renate und Marion im Weißdornweg

Weitere Fotos vom Weißdornweg siehe hier.

Mumu hatte schon früher angefangen, sich im sozialen Bereich zu engagieren. Sie meinte mal, dass sie ihre Erfahrungen aus dem, was sie so viele Jahre gemacht habe, nämlich sich um Kinder zu kümmern, gerne weitergeben möchte. Sie arbeitete ehrenamtlich im Kinderschutzbund mit (ab wann weiß ich nicht), hat Begleitungen zu Ämtern gemacht und war auch Schöffin bei entsprechenden Gerichtsverhandlungen. Am Stand des Kinderschutzbundes auf der Messe „Du und Deine Welt“ hat sie geholfen und war sehr empört, dass sie in eine dunkle hintere Ecke platziert wurden, während der Tierschutzbund direkt am Eingang seinen Platz bekam. Das hat sie noch Jahre später in Rage gebracht. Dieses öffentliche Auftreten war erstaunlich, da sie ja sehr scheu war und z.B. auf Elternabenden, zu denen sie immer ohne Opa gehen mußte, nie ein Wort sagte.

Beigetragen hat wahrscheinlich die Tatsache, dass sie sich als relativ alte Mutter mit den politischen Einstellungen von Sabine auseinandergesetzt und versucht hat, Vieles zu verstehen, was bei Anderen ihrer Generation auf Unverständnis oder Ablehnung stieß. Sie hatte im Freundeskreis auch lange den Ruf, die „linke Gerda“ zu sein.

Mumu hatte sehr viele Aufgaben zu bewältigen - im Haushalt mit den 4 Kindern und dem Hund, in der Praxis bei Urlauben der Sprechstundengehilfin und bei der Abrechnung, Opa hatte auch seine Ansprüche. Mumu war ja eine richtige Preußin, die sich Schwächen nie anmerken ließ und die, wie Rike kurz vor ihrem Tod sagte, als eine „richtig starke Frau“ imponierte. Sie war aber gesundheitlich viel weniger stabil als sie zeigte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es ist wie ein Wunder, dass sie mehrere bedrohliche Lungenembolien erlitten hat und sich immer wieder davon erholte. Sie war auch in den 50iger Jahren für einige Wochen in einem Sanatorium, an Details kann ich mich nicht erinnern.

Wichtige Ereignisse im Leben von Mumu waren natürlich auch die Hochzeiten von drei der vier Kinder, nämlich am 29.9.1967 Rike und Karsten, am 9.4.1968 Pimi und Marion und am 13.4.1983 Sabine und Thomas. Fotos aus dieser Zeit von den Paaren siehe hier.

Familienfeste wurden bei entsprechenden Anlässen immer gefeiert. Bei runden Geburtstagen von Mumu war ihr wichtig, auch die Dross-Familie dabei zu haben. Das war für Opa nicht ganz einfach, er musste oft durch Mumu überzeugt werden. Er war ja der einzige, der von der Gebhardt-Familie noch übrig geblieben war, es gab keine Tanten oder Onkel, keine Cousins oder Cousinen – ich bin sicher, dass die „Übermacht“ von Mumus großer Herkunftsfamilie ihm immer wieder zu schaffen gemacht hat und ihn vielleicht auch traurig stimmte, dass von seiner Seite niemand mehr da war.

Mit dem Beginn des Ruhestandes von Opa am 1.Januar 1978 fand eine große Veränderung in Mumus Leben statt. Opa ging nicht mehr fast täglich in die Praxis sondern war zu Hause und beide mußten erst ihre neue Rolle in dem veränderten Zusammenleben finden.

Nach oben