Zeichen 151

Unbeschrankter Bahnübergang

ICE 774 / Frankfurt - Hamburg

Frankfurt/Main - die Bahnhofshalle,
der Dichter wartend, so wie alle,
Zug nach Hamburg - heute spät,
Dichter sinnend Zeit verbrät.

Weißes Riesenschlangenvieh,
High-Tech made in Germany,
lautlos kommt es jetzt zum Stop
und die Türen machen Plop.

Nur noch einen Platz erkämpfen
und dann die Erregung dämpfen,
Laptop raus und auf die Knie,
die Muse ruft: jetzt oder nie!

Es ist ein starker Impetus,
der sich nun endlich äußern muß.
Gefühle durch den Dichter wallen,
so wie Nordsee-Glibber-Quallen.

Der Schaffner ist heut ganz genau
- natürlich schaffnert eine Frau,
und will auch gleich die Bahncard sehen,
Mein Gott - welch großes Unverstehen!

Das Bordklo nicht betriebsbereit,
die Blase drückt, wie nicht gescheit,
das Handy nebenan piepst Töne,
im Dichterkopf jetzt nur Gedröhne.

Es rast durchs schöne Hessenland
und innerlich ganz ausgebrannt
im ICE der Dichtersmann,
der alles - nur nicht dichten kann.

Wie lindern wir der Menschheit Nöte,
es packt den Dichter Zornesröte,
jetzt muß er kommen - der Gedanke,
doch nein, am Bahndamm nur 'ne Schranke,

Schon kommt das Land der Niedersachsen,
wo selten deutsche Dichter wachsen,
es ist das Land von Wilhelm Busch,
und alles andre ist hier Pfusch.

Da wallt ein mächtiges Gefühl
und drückt den Dichter auf's Gestühl,
er fängt jetzt fast schon an zu keuchen,
allein, es will kein Reim entfleuchen.

Hannover wird laut angesagt,
und kommt doch denkbar ungefragt,
Oh, diese Postbeamtenstadt,
die weder Licht noch Schatten hat.

Dies lähmt des Dichters Phantasie,
der Laptop drückt ihm schwer aufs Knie,
der Nachbar schläft jetzt schnarchend ein,
wie soll man da bloß Dichter sein ?

Hannover ist bald auch vorbei,
die Landschaft platt, der Blick ganz frei,
hier müssen jetzt die Verse sprießen,
Gedanken durch das Großhirn schießen.

Doch nein, bis Harburg ist Blockade,
ach, wirklich schade, schade, schade,
und auch der Laptop klingt ganz hohl,
Akku leer - das war's dann wohl.

Plötzlich auf der Elbe Brücken,
will ein kleiner Reim ihm glücken,
ein deutscher Strom tut Weisheit kund
und äußert sich im Dichtermund:

Immer dasselbe,
vom Ei nicht das Gelbe,
Deine Elbe.

TB