@@Erwin@@  Erwin Blunck  1905 — 1988

Biographie nach einem Tonbandprotokoll

Geboren am 28.Juni 1905 um 9.30 in Hamburg-Barmbeck Mozartstr. 5 (in der Wohnung geboren, als 6. Kind) - damals war das Hamburg 21/ Uhlenhorst (heute Barmbek-Süd)

Mutter Dorothea Christine Sophie geborene Stamann (geb. in Rühn bei Bützow in Mecklenburg), gelernte Köchin, hat in der Heinrich-Hertz-Str. bei Fischer Fründt gearbeitet, nach der Heirat Hausfrau

Vater Wilhelm Rudolf Johann Blunck (geb. in Zierzow bei Ludwigslust in Mecklenburg), Maurerpolier, hat einige Jahre als Maurer in Essen gearbeitet, dann in Hamburg (hat beim Elbtunnel mitgearbeitet); zunächst bei Gebrüder Haupt, dann bei Ruwoldt&Sohn; hat immer wieder gesagt: "Junge tu’ mir einen Gefallen, wähl' nicht die Nazis, dann wählst Du den Krieg!" (noch auf dem Totenbett); hat 1888 die Sozialdemokraten in Hamburg mitbegründet (wurde deswegen auch eingesperrt), war ein 100%-gerechter Mensch, hatte viele "richtige Ahnungen"

Die Eltern haben sich erst in Hamburg kennengelernt (sind aber beide aus Mecklenburg eingewandert).
4.Juni 1892 Heirat der Eltern in Hamburg. — Kinder (in der Reihenfolge ihrer Geburt):

 - Frieda (mit 17 an Tuberkolose gestorben, )

 - Grete (verheiratet mit Heinrich Bollbuck, mit 69 Jahren gestorben; hatte eine Tochter: Ilse, verheiratet mit Heinz Jänisch)

 - Elisabeth (mit 4 Jahren an Scharlach und Diphterie gestorben)

 - Klara (als Baby zur gleichen Zeit auch an Scharlach und Diphterie gestorben)

 - Herbert (Lieblingsbruder, Pferdeliebhaber, versorgte die Pferde der Wäschefirma Laubinger, mit 22 an Tuberkolose gestorben)

 - Erwin

 - Wilma (mit 13 an Lungenentzündung gestorben)

Erste Erinnerung: Als 4-jähriger in ein Siel gefallen (sämtliche Zähne rausgebrochen)

Volksschule Humboldt-Str. 84 (9 Jahre lang), ab 1914 wurde diese Schule Kriegslazarett und die Schule in verschiedenen anderen Gebäuden untergebracht

Der Vater war sehr skeptisch über Kriegseintritt, aber die Leute waren begeistert und steckten Blumen in die Gewehre; am Kriegsende: die Kieler Matrosen kamen nach Hamburg und rissen den Offizieren die Schulterklappen ab

Erwin saß in der Schule immer auf dem zweiten oder dritten Platz (erster Platz: Hermann Rausch, später Geometer geworden - dritter Platz: Helmut Radach); Lieblingsfach: Rechnen

Umgezogen zweimal in die Mozartstr. 11 und 23 (Besitzer Paul Junge: Erster Vorsitzender von Uhlenhorst Hertha, großer Nazi, Sohn Walther war später auch bei Blohm&Voss, Tochter in China), dann Flotowstr. 9 (große Wohnung: 4 Zimmer!)

Seit dem 11. Lebensjahr gearbeitet – bei Eickermann (Großhändler) an der Kuhmühle; Waschmittel und ähnliches mit der Schubkarre an andere Geschäfte ausgeliefert (pro Tag 1 Mark bekommen, dafür von 2 – 6 gearbeitet); Zeitungen ausgetragen für Reinhardt Müller am Mundsburger Damm (viel Trinkgeld bekommen)

Die Mutter hat das verdiente Geld auf das Sparkonto gebracht – bei der Konfirmation 1919 waren es 354 Mark (davon wurde der Konfirmationsanzug mit Hut gekauft)

Erwin wollte nach der Schule (1920) eigentlich Feinmechaniker werden, es gab aber keine Lehrstelle; deswegen das Einjährige (Mittlere Reife) gemacht

Im Fußballverein Uhlenhorst Hertha seit 1919; nach dem 2.Weltkrieg 5 Jahre (1945-1950) Vereinsvorsitzender (weil unbelastet); silberne und goldene Ehrennadel; hat ein Jahr in der Liga mitgespielt, sonst in der A-Klasse, als Spielführer und linker Verteidiger; Trainer: Max Buchmann/ Charly Pohl (Nationalspieler); Willi Kamin (Mittelläufer und Witzbold) war das ganze Leben lang ein guter Freund

September 1920 Lehrstelle bei der Im- und Exportfirma Huber & Co (hauptsächlich Geschäfte mit Indien) in der Ferdinandstraße; Berufsschule Spitaler Straße, dann Lemmermarkt; bei Prof. Dr. Leonhardt (Englisch fiel am leichtesten); Paragummi im Hafen angeliefert; Firma wurde immer größer; Indien war das Traumziel für Erwin (hat aber nie geklappt), er hat indische Kunden durch den Hafen geführt; hat 8 Jahre lang bis 1928 für die Firma gearbeitet; Gehalt wurde nach dem Krieg in englischem Pfund ausbezahlt (10 Pfund pro Monat); um 6 Uhr aufgestanden, 7 Uhr Schule Fehlandstr., 8.30 in der Firma, zuhause erst wieder um 19.30h, abends warm gegessen (gab’s in der Firma nicht); Sonnabends bis 3 Uhr gearbeitet; manchmal auch Sonntags: Wochenendtelegramme aus Indien entcodet (dafür gab es Extrageld), danach dann Fußball gespielt;

Sonnabends in die Badeanstalt Bartholomäusstraße (Wannen- oder Brausebad; in der Wohnung gab es weder Dusche noch Bad), dann manchmal zum Tanzen mit dem besten Freund Ewald Nordmeyer (meistens in Wandsbek); Urlaub gab es nicht geregelt, manchmal 3 Tage (dann nach Mecklenburg zu den Verwandten oder auf eine Fußballreise)

Eltern haben alles Geld in der Inflation verloren (13000 Mark – davon sollten eigentlich zwei Häuser gebaut werden)

Bis 1928 bei den Eltern gewohnt (ein Zimmer mit dem Bruder zusammen)

1928 bei der Handelsfirma Moreng & Co. für eine Tätigkeit in Afrika beworben (wollte unbedingt in die Ferne, eigentlich nach Indien); wurde von Professor Dr. Bernhardt Nocht untersucht (tropentauglich: gutes Herz, schlechte Lunge – diese dann in Afrika durch Hitze auskuriert)

3. März 1928 für zwei Jahre nach Afrika - Verkauf an Syrer, die haben weiter an die Eingeborenen verkauft, manchmal auch an Syrern vorbei (dann gab’s Schläge); Hardware (Eisenwaren), Stoffe, Hauptartikel waren Kerosin-Feuerhandlaternen von Gebrüder Liehr in Sachsen (Monopol), lebte in Calabar (Nigeria), kleiner Verkaufsladen und gleichzeitig Zwischenhändler; hatte 3 Affen, 1 Ziege, Enten, ein Haus auf dem Berg (ganz allein), 3 Boys im Extrahaus (Hausboy Vincent, Wasserträger Philipp, Koch Maboka, bekamen 2-3 Pfund plus Kost und Logis); Zahlung in englischen Pfund (25 Pfund im Monat, davon mußten auch die Boys bezahlt werden), jeden Monat 100 Mark an Eltern überwiesen; "My home is my castle": jeder musste erst rufen, bevor er auf den Berg kam; Besuch von Tigu (?) (Gummiplantage), viel Karten gespielt mit den Engländer (Bridge)

1930 für ¼ Jahr in Hamburg im Büro gearbeitet: Muster ausgezeichnet mit Geheimcodes (damit Kunde Preis nicht weiß)

2. Reise für über 1 Jahr Reise an der Küste von Westafrika: Bathurst (Gambia), Accra (Ghana), Kumasi (Ghana), Douala (Kamerun) bis Libreville (Belgisch- Kongo) – Kunden von Moreng besucht, Bestellungen aufgenommen; "Die Schwarzen waren ehrlicher als die Weißen"; mit Indern und Griechen gehandelt; nie krank gewesen (außer einmal schwerer Durchfall); "die schönste Zeit im Leben"

1932 Rückkehr nach Hamburg und Kündigung in der Wirtschaftskrise; bei Rückkehr hat Mutter Anzug gekauft vom gesparten Geld; beim Tode der Eltern 8000 Mark Erbe (davon 4000 an Grete)

1932 die erste Frau Dorothea Carlsen kennengelernt (war jahrelang Kellnerin auf Planten un Blomen, auch nach dem Krieg noch) und später geheiratet (1934); sie war sehr tüchtig, konnte gut kochen, aber mochte gerne trinken; 1944 Scheidung; sie hat später wieder geheiratet (den ersten Zapfer im Orchideenkaffe, hat dort auch gewohnt)

1933 wurde Erwin Zeuge, wie ein alter Mann von jugendlichen Nazis zusammengeschlagen wurde
Und hier die Original-Tonbandaufzeichnung

Zusammen mit Ehefrau eine Kneipe aufgemacht: Flotowstr. Ecke Diedrichstr., war Vereinslokal von UH ("Uhlenklause"); Bombengeschäft gemacht (1934 bis Juni 1939); Wohnung in der Straße Imstedt 33 mit Dorothea (Nähe Kneipe)

In dieser Zeit auch mehrere Reisen mit dem Kreuzfahrerschiff "Milwaukee" der HAPAG (genannt der weiße Schwan); als Assistent des Zahlmeisters gearbeitet; Reisen nach Madeira, auf die kanarischen Inseln, Norwegen und Island

Juni 1939 Anstellung bei Arno Kohn (wurde später arisiert: Acona Ein-und Ausfuhrgesellschaft)

Wollte kein Soldat werden, deswegen am 10.Oktober 1939 Bewerbung bei Deutsche Werft und Blohm&Voss; am 11. Oktober Einstellungsgespräch und am 12. Oktober angefangen bei Blohm & Voss (in Personalabteilung)

10.April 1940 Einberufungsbefehl Marineatillerie Sinstorf in Hamburg; aber Personalchef Hofmeister sorgt dafür , daß Erwin freigestellt wurde; nach 2 Jahren "roter Schein" (Inhaber dieses Schein arbeitet in Vollrüstungsbetrieb); wurde häufig kontrolliert; war stolz darauf, nie in seinem Leben eine Waffe in der Hand gehabt zu haben

Am 5. April 1943 fing spätere 2. Ehefrau Annemarie Deisinger in der Personabteilung von Blohm&Voss an; war zuerst etwas "angehaucht" (obwohl deren Vater auch starker Nazi-Gegner war)

Erwin hatte immer gute Beziehungen (z.B. Konditorei Herz in Barmbek)

Wurde 1943 (in Imstedt) ausgebombt; dann Umzug nach Wedel in eine Baracke von Blohm&Voss (Elbhöhe 13); musste dann zum Volkssturm (dort gab es aber nur zwei Gewehre für die ganze Truppe)

Seit 1944 bei Frau Neumann im Eidelstedter Weg 9 als Untermieter gewohnt; hat sich in Wedel abgemeldet und dann nicht wieder angemeldet, dadurch dem Volkssturm entkommen, hat allerdings auch keine Lebensmittelkarten mehr gekriegt

von August 1945 bis 1950 als Untermieter bei Frau Marquardt (Tante von Ilses erstem Bräutigam – im Krieg gefallen) im Maienweg 272 (Fuhlsbüttel)

Nazis: 40% waren für die Nazis, 60% dagegen; man wusste das Juden verschleppt wurden, auch von Konzentrationslagern; Erwin wurde auf der Arbeit selbst zweimal politisch gemaßregelt

Nach dem Krieg Leiter der Wirtschaftsabteilung bei Blohm & Voss im Museum für Hamburgische Geschichte; hat ab 1948 als kaufmännischer Leiter für die Bau&Montage-Gesellschaft von Blohm&Voss in Altona gearbeitet

24. Juni 1950 Hochzeit mit Annemarie Deisinger in Eppendorf, Trauung in der Kirche Meiendorfer Chausse, Feier bei Alma Sarau in Meiendorf (bis morgens um 6, dann alle geschlossen zur U-Bahn)

Zunächst bei Alma Sarau im Meiendorfer Weg 23 gewohnt, dann in die ausgebombte Schlosserei Deisinger (vom Vater der Ehefrau) Meissnerstr. 8-10 im ersten Stock (1 Zimmer)

Seit 16. Oktober 1950 in der deutsch-südamerikanischen Bank am Neuen Jungfernstieg in der Depositen-Abteilung gearbeitet, bis zur Pensionierung 1970

Während seiner Zeit bei der deutsch-südamerikanischen Bank (und auch noch danach) im Skatklub und im Kegelclub; außerdem vielfache erfolgreiche Teilnahme an Preisskat-Veranstaltungen

29. November 1950 Geburt von Sohn Thomas im Jerusalem-Krankenhaus Eimsbüttel

Dezember 1951 Umzug in die Kippingstr. 36 in Eimsbüttel

7. Oktober 1952 Geburt von Sohn Roland Wilhelm im Jerusalem- Krankenhaus (bei der selben Hebamme)

1957 Umzug in die Wohnung Beim Schlump 48 in Eimsbüttel

1964 Umzug zusammen mit der Schlosserei Deisinger in den Gewerbehof Stegewaldring in Hamburg-Horn (Hermannstal 119g)

Pensionierung 1970; dann noch eine zeitlang freier Mitarbeiter bei der Banco do Brasil am Neuen Wall; außerdem noch 9 Jahre (bis 1979) für die Schlosserei Deisinger (Firma der Ehefrau) die kaufmännischen Arbeiten gemacht

Während seines Berufslebens nur zweimal krank gewesen (Lungenentzündung und Leistenbruch)

1980 Herzinfarkt, später bekam er einen Herzschrittmacher

Gestorben am 1. Februar 1988 an Herzversagen in der Wohnung Hermannstal.

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